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Medien- und Gestaltungsästhetik

Der Traum vom Totalen Kino: Wie Literatur Filmgeschichte schrieb

by Karin Janker (2019)

Literatur träumt vom Totalen Kino: einer Reproduktion der Welt, die von der Realität nicht zu unterscheiden ist. Das Realismusversprechen des neuen Bewegtbildes entwickelte sich als Mythologem in Romanen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Als Faszinosum und Denunziation erzählt dieses Narrativ von dem aufkommenden Konkurrenzmedium und scheint bereits früh den Weg Richtung Virtual Reality zu weisen. Karin Jankers literaturwissenschaftliche Analyse dieser wirkmächtigen Imagination legt nicht nur deren Wurzeln in Illusions- und Mimesisdiskursen offen, ihre Lektüren demonstrieren auch die Literarizität des Traums vom Totalen Kino - und machen Mediengeschichte zu einer Sache der Literaturwissenschaft.

Eines Tages wird man Film nicht mehr von der Realität unterscheiden können – diese Vorstellung gab es bereits, bevor das Kino erfunden war. Der Traum vom Totalen Kino entstammt der Literatur, die dem Film bereits detailliert den Weg in Richtung Virtual Reality wies, als die Bilder des Cinématographe noch stumme Schatten waren.
Karin Jankers Analyse der bis heute wirkmächtigen Imagination einer Ununterscheidbarkeit zwischen physischer und virtueller Realität legt offen, aus welchen Mythen und Diskursen sich diese speist, aber auch wo ihre Ränder, Unschärfen und Aporien liegen. Welche Hoffnungen und Ängste begleiten die Entwicklung des Bewegtbildes? Welche Eigenschaften schreibt die Literatur dem aufkommenden Konkurrenzmedium zu? Und was erzählt die Literatur damit über sich selbst?
Die hier versammelten Lektüren der Kino-Romane von Auguste de Villiers de L`Isle-Adam, Jules Verne, Luigi Pirandello, Salomo Friedlaender, Aldous Huxley und Adolfo Bioy Casares zeigen, dass der Traum vom Totalen Kino nicht bloße Denunziation des Films durch die Literatur ist, sondern auch ein Ausloten der jeweils eigenen medialen Möglichkeiten. Sie demonstrieren eindrücklich die Literarizität dieses Narrativs – und und machen nicht zuletzt Mediengeschichte zu einer Sache der Literaturwissenschaft.

ToC:
Vorbemerkung (9-12)
I. Einleitendes: Das Narrativ des Totalen Kinos (13-38)
II. Theoretische Perspektiven und Stand der Forschung (39-66)
III. Lektüren: Literarische Visionen der Kinematographie
1. Proto-Cinéma
1.1 Präfiguration des Kinos: Auguste de Villiers de l’Isle-Adams L’Ève future (1886) (69-116)
1.2 Echos der Stille: Jules Vernes Le Château des Carpathes (1892) (117-162)
1.3 Résumé: der Apparat des Totalen Kinos (163-168)
2. Stumm-Film-Kunst
2.1 Achtung, Kamera frisst: Luigi Pirandellos Quaderni di Serafino Gubbio operatore (1916/25) (169-218)
2.2 Krieg der Bilder: Salomo Friedlaenders / Mynonas Graue Magie (1922) (219-268)
2.3 Résumé: das (auto)reflexive Potenzial des Totalen Kinos (269-274)
3. Wiederkehr der Phantasmagorie
3.1 Der totalkinematographische Staats‑Apparat: Aldous Huxleys Brave New World (1932) (275-322)
3.2 Fatale Metalepse: Adolfo Bioy Casares’ La in vención de Morel (1940) (323-376)
3.3 Résumé: am Abgrund des Totalen Kinos (377-384)
IV. Schluss: Höhlenausgänge oder Höhleneingänge – Vom Totalen Kino zur Virtuellen Realität (385-398)
Quellenverzeichnis (399-446)
Dank (447-450).

[ToC + Einl. (pdf):]
https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/1c/ee/c0/ts4756_1.pdf

Karin Janker (Dr. phil.), geb. 1986, ist Redakteurin im Ressort Meinung der Süddeutschen Zeitung. Sie promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Barbara Vinken und  war  Mitglied  im  Promotionsstudiengang  Literaturwissenschaft.  Zuvor absolvierte sie den Masterstudiengang »Aisthesis – Historische Kunst- und Literaturdiskurse« im Rahmen des Bayerischen Elitenetzwerks und studierte Diplom-Journalistik, Politikwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie schreibt, lehrt und forscht zu Literatur, Film und Politik sowie deren Schnittmengen.

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Janker, Karin [1986-]
Der Traum vom Totalen Kino: Wie Literatur Filmgeschichte schrieb.
Bielefeld: transcript, 2019, 450 p.. ill., 23 cm.
(Medien- und Gestaltungsästhetik, 7.).
SBN: 9783837647563 (pb., EUR 49,99)
ISBN 9783839447567 (ed., EUR 49,99/$61,99)