Making und Makerlabs

Journal issue, 25. May 2020.

CFP: Zeitschrift Medienimpulse 3/2020. Making und Makerlabs (15.5. / 25.5.2020)

Fablabs, Makerspaces, DIY (Do-It-Yourself)-Initiativen und Repaircafés scheinen seit ihrem ersten Aufkommen vor knapp 20 Jahren dem Nischendasein von Nerds, Bastlerinnen und Bastlern entwachsen zu sein. Diese sehr an der Praxis orientierten Institutionen bzw. Einrichtungen sind zu einer breiten Bewegung geworden, die als generationenverbindende Subkultur nach wie vor dem mit ‚neuen‘ Medien und den mit ihnen verbundenen Kulturtechnologien immer wieder verbundenen Traum der Demokratisierung von Produktionsmitteln entspricht. Oft setzt sich diese Kultur im Sinne des Medienaktivismus den börsennotierten IT-Großkonzernen entgegen, um die Transformationsprozesse der digital vernetzten Welt „an der Basis“ der Gesellschaft mitzugestalten, sich den Konsumzwängen zu entziehen oder einfach kreativ-gestalterisch tätig zu werden: Vom fröhlich blinkenden und tönenden selbstgebastelten Kinderspielzeug bis zum hochprofessionellen 3D-Druck menschlicher Organe, von den Grundideen der Open-Source- und Open-Access-Bewegung bis zu ausdifferenzierten Hackerethiken, von der Heimwerkstatt bis zu den 4Cs der 21st Century Skills angesichts von Technologie-Startups (critical thinking, collaboration, communication, creativity) reicht dabei die (medien-)praktische Bandbreite. Diese konkreten Aktivitäten werden von Grassroots-Bewegungen und Subkulturen getragen und auf großen Messen, den sogenannten Maker Faires, präsentiert.

Die institutionelle Vereinnahmung des Making ließ nicht lange auf sich warten. Neil Gershenfeld eröffnete am MIT in Boston 2005 das erste Fablab an einer Hochschule. Die grundlegende Idee des Educational Makerspace war, dass jeder Mensch, jede/r Lernende Probleme mit Werkzeugen lösen kann, die er oder sie selbst produziert. So wird der persönliche Computer neu gedacht, aus dem Office hinausgetragen und mit Zusatzausrüstung zur kleinen, persönlichen Fabrik. So sprach auch Chris Anderson von einer „neuen industriellen Revolution“ und Paulo Blikstein diagnostizierte – mit Blick auf Freire – im Making nichts weniger als die „Demokratisierung der Erfindung“. Selbst Barack Obama schätzte als US-Präsident das Potenzial so hoch ein, dass er einen National Day of Making proklamierte. Ganz in diesem Sinne gilt Seymour Papert als wichtigster Vordenker der Maker-Bewegung. Der 2016 verstorbene Mathematiker und Psychologe – ein Schüler Piagets – erfand die Programmiersprache Logo, war Mitinitiator des MIT Media Lab und begründete den sog. Konstruktionismus. Diese Form des situativen Lernens, mit der die aktive Wissenskonstruktion unterstrichen wird, betont die konstruktiv(istisch)en Anteile beim Aufbau von Wissen in der konkreten Lernund Lehrpraxis. Damit wurden Computing und der Einsatz von Informationstechnologie als Lernmethode erstmals durchdacht. So können auch heute noch Programmieren, Robotik und schließlich Making als Entwicklungsschritte des Computereinsatzes für Lernen gesehen werden, die der ursprünglichen Vision Paperts immer näherkommen.

Um die Bedeutung von Makerlabs im Bildungsbereich zu analysieren, stehen deshalb vor allem drei wichtige Begriffe und Grundsäulen vor Augen: Making, Makerspaces und Makerinnen bzw. Maker. Making meint vor allem ein Set von Aktivitäten (mit Lernzielen im Hinterkopf der Lehrenden), die im Klassenzimmer, aber auch in Büchereien, Museen, Fablabs, Garagen oder auch zuhause stattfinden können. Makerspaces sind Musterbeispiele für Communities of Practice. Hier treffen sich Menschen ihrer Leidenschaft wegen, basteln, bauen, programmieren gemeinsam, nutzen die Möglichkeiten eines Fablabs, beteiligen sich an Messen, ohne aber konkrete Lernziele im Auge zu haben. Makerin oder Maker zu sein, ist schließlich auch eine (subversive) Form von Identität, ein Habitus, ein Lebensgefühl, das einen hohen Grad der (Lern-)Motivation ausmacht. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass das öffentliche Bild von Makerlabs häufig von weißen Männern dominiert und deshalb aus Gender-Perspektive auch oft kritisiert wurde. Insgesamt empfiehlt es sich, neben fachdidaktischen Perspektiven auch auf Spurensuche nach medienpädagogischen Anknüpfungspunkten zu gehen, mit deren Hilfe die vorwärtsstrebenden Ideen der Makerspaces im traditionellen Bildungssystem – von den Schulen, Hochschulen bis zu weiteren Bildungseinrichtungen – Wurzeln schlagen könnten.Ob all dieser Zusammenhänge hat die Redaktion der MEDIENIMPULSE sich entschlossen der Medienkritik in Makerlabs eine eigene Schwerpunktausgabe zu widmen. Wir stellen deshalb als erste Anregung folgende Fragen in den Raum:

• Welche Erfahrungen haben (Medien-)Pädagoginnen und -pädagogen mit Medienkritik in Makerlabs gemacht und wie gestaltete sich dabei ihre (mediale) Unterrichtspraxis?
• Welche konkreten medienpraktischen Projekte wurden in Makerlabs durchgeführt und zu welchen Ergebnissen führten sie?
• Wie lässt sich das Making im Sinne einer handlungsorientierten Medienpädagogik begreifen?
• Welche Rolle kommt im Kontext des Making der Handhabe und Bearbeitung materieller Artefakte und damit dem ‚Begreifen‘ eines Sachverhalts zu?
• Welche Bedeutung hat Medienkritik angesichts von Making und Makerspaces im deutschsprachigen Raum und insbesondere in Österreich?
• Wie sinnvoll ist es tatsächlich, die Making-Idee in Schulen, Hochschulen und in die Erwachsenenbildung hineinzutragen? Welchen Wert hat es, Makerspaces an Bildungseinrichtungen zu etablieren?
• Welche pädagogischen, fach- und mediendidaktischen Leitlinien sollten die Werkstattarbeit in (hoch-)schulischen Makerspaces prägen, um ein interdisziplinäres und partizipatives forschend-entdeckendes Lernen zu ermöglichen?
• Welche Rolle kommt dem Making in seinen sozialen und technologischen Aspekten angesichts des digital-kybernetischen Kapitalismus zu?
• Wurde aus dem Anspruch der Makerlabs, Selbstbestimmung und Medienkritik beim Lernen zu fördern, eine verordnete Form der neoliberalen Selbstregulierung und Selbstoptimierung, die auch vor kindlichen und jugendlichen Lebenswelten nicht Halt macht?
• Laufen Makerspaces Gefahr, durch die Imperative von Institutionen und deren Machtgefüge korrumpiert zu werden? Kommt es also wie so oft zur „Korruption einer schönen Idee“ (Gerd Bräuer)?

Die Herausgeberinnen und Herausgeber dieser Schwerpunktausgabe sind
Alessandro Barberi, Universität Wien (alessandro.barberi@medienimpulse.at)
Klaus Himpsl-Gutermann, Pädagogische Hochschule Wien (klaus.himpsl-gutermann@medienimpulse.at)
Nina Grünberger, Pädagogische Hochschule Wien (nina.gruenberger@medienimpulse.at)

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Redaktionsschluss: 25. August 2020
Erscheinungsdatum: 21. September 2020